Das Testleser-Einmaleins - Teil 1

In zwei Teilen möchte ich über Testleser und Autoren schreiben. Für Autoren sind Testleser sehr wichtig. Zugleich kostet es eine Menge Überwindung, das Buch aus den Händen zu geben. Vor einigen Jahren war es für mich undenkbar, einer fremden Person mein unfertiges Manuskript zuzusenden. Nicht nur, weil ich Angst davor hatte, belächelt oder ausgelacht zu werden oder vor möglichem Ideenklau. Nein, die wohl größte Angst hatte ich vor der Kritik. Dabei ist sie so wichtig, um als Autor wachsen zu können.

In diesem Blogbeitrag möchte ich aber nicht nur über die Vor- und Nachteile des Testlesens schreiben. Du erfährst, wo du zuverlässige Testleser finden kannst und welche Spielregeln du als Autor befolgen solltest.

Aber dieser Blogbeitrag richtet sich an Autoren wie auch Testleser. Welche Kriterien solltest du als Testleser erfüllen? Was bedeutet es eigentlich, ein Testleser zu sein? Wie schreibst du ein gutes Feedback und auf was solltest du achten?


Was machen Testleser?


Wer ganz neu in der Autoren- bzw. Buchbranche unterwegs ist, wird sich wahrscheinlich fragen, was das mit dem Testlesen auf sich hat und wie genau das abläuft. Über die Definition müssen wir wahrscheinlich nicht reden. Wenn du ein Buch geschrieben hast, gibst du dieses an einen oder mehrere Testleser. Diese lesen das Buch und weisen dich auf verschiedene Fehler bezüglich der Logik, manchmal auch Rechtschreibung oder Grammatik und Charakteren hin. Sie sagen dir, was ihnen an deinem Buch gefällt und decken Schwachstellen auf. Dabei wird in Alpha- und Beta-Leser unterschieden. Der Alpha liest das Buch häufig schon während des Entstehungsprozesses oder die recht rohe, unüberarbeitete Fassung. Der Beta liest die bereits überarbeitete Version. Viele Autoren nutzen beide, um so das Beste aus dem Manuskript holen zu können.

Warum brauchst du Testleser?

Die Antwort auf die Frage, ob du Testleser brauchst oder nicht, liegt schlussendlich bei dir selbst. Anfangs war ich kritisch. Die Vorstellung jemand Fremdes über mein Manuskript mit Makeln und Fehlern lesen zu lassen, behagte mir gar nicht. Doch der Austausch mit anderen Autoren hat mir geholfen, Vertrauen zu fassen. Trotzdem wird es immer Überwindung kosten, einen Text an einen Testleser zu senden, das ist normal. Aber es lohnt sich, denn am Ende warten viele Vorteile auf dich.

Fakt ist: Niemand schreibt ein perfektes Manuskript. So sehr du es dir auch wünschst, du bist nicht perfekt und als Autor, der seinem Roman am nächsten ist, bist du betriebsblind für Fehler. Egal, ob Logik, Charakterentwicklung oder Unstimmigkeiten im Text. Ehrliche Testleser bringen dich und dein Buch voran.


Dabei solltest du bedenken, dass nicht jede Kritik auf einen Fehler hinweist, den du korrigieren musst. Viele Kritikpunkte sind oft auch eine Sache des persönlichen Geschmacks. Testleser sind ein guter Index dafür, wie das Buch aufgenommen wird, welche Szenen funktionieren, ob man verständlich ge- und beschrieben hat und ob deine Charaktere überhaupt sympathisch sind. Anhand des Testleserfeedbacks kannst du deine Stärken und Schwächen erörtern. Außerdem erkennst du, ob eingebaute Wendungen in der Geschichte funktionieren und die Botschaft deines Romans verstanden wurde.


Nicht selten geben Testleser nicht nur gutes Feedback, sondern auch tolle Hilfestellungen oder Verbesserungsvorschläge für deine Geschichte.


Durch das Feedback meiner Testleser hat sich mein Schreiben stark entwickelt. Die Kritik half mir nicht nur dabei, viele Fertigkeiten zu verbessern und Fehler auszumerzen, auch mein Selbstbewusstsein hat sich enorm gesteigert. Ich bin selbstsicherer geworden, weiß nun, wo meine Schwächen und Stärken beim Schreiben liegen. Hinzu kommt, dass man durch Leserfeedback ein besseres Gefühl dafür bekommt, was bei der Zielgruppe gut ankommt und was nicht.

Ich konnte viele wichtige Erfahrungen durch meine Testleserinnen sammeln. Noch dazu sind sie mir sehr ans Herz gewachsen.

Die Nachteile

Alles hat seine Schattenseiten. Somit auch das Testlesen. Durch meinen Kontakt zu anderen Autorinnen habe ich schon so manche Geschichte gehört: Testleser, die sich nie wieder gemeldet haben, Ideenklau oder Feedback, das nicht hilfreich oder unsensibel formuliert war.

Erwartungen

Mit Erwartungen gehen oft Enttäuschungen einher. Daher passiert es, dass Autoren anschließend vom Feedback enttäuscht sind, weil sie es sich anders vorgestellt haben. Damit will ich nicht sagen, dass du ohne jede Erwartung an deine Testleser herantreten sollst. Im Gegenteil: Kommuniziere deine Erwartungen und Wünsche offen und klar.

Ideenklau

Der Ideenklau ist neben der unsensibel formulierten Kritik wohl die größte Angst eines jeden Autoren. Das Problem ist, dass wir unserem Gegenüber nicht in die Köpfe schauen können und deshalb auch keine Kontrolle darüber haben, was passieren wird. Vor Ideenklau schützen kannst du dich nicht vollständig. Sollte deine Idee geklaut und veröffentlicht werden, schützt dich hier das Urheberrecht. Dein Manuskript ist eine persönliche, geistige Schöpfung und daher urheberrechtlich geschützt. Dein abgespeichertes Dokument oder eine Historie an verschiedenen Entwürfen ist genug Beweis. Du kannst dir dein Manuskript auch selbst per Mail schicken.


Natürlich wäre das nur ein kleiner Trost im Falle einer Veröffentlichung durch jemand anderes, aber macht euch bewusst, dass all eure Werke geschützt sind.

Das Schullektüre-Phänomen

Beinahe jeder Autor kennt das: Man wählt seine Testleser mit Sorgfalt aus, bespricht, was erwartet wird, schickt das Manuskript ab und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet? Die Monate ziehen ins Land, Jahreszeiten wechseln im Zeitraffer vor deinem Fenster und das Feedback bleibt aus. Was ist passiert? Warum ist der Testleser verschwunden und meldet sich nicht mehr? War das Buch so schlecht?

Um ehrlich zu sein, kann ich nicht den genauen Grund nennen, warum sich Testleser bewerben, um sich dann nie wieder zu melden. Fakt ist: Es nervt! Nach langer, harter Arbeit gibt der Autor sein Projekt in vermeintlich vertrauensvolle Hände - was sehr schwer fällt. Es ist ein Teil seines Herzens, seines Innersten und es ist zerbrechlich. Das Vertrauen ist hin und im Kopf dreht sich die Gedankenspirale: War es so schlecht? Wollte er/sie sich nur an meiner Idee bereichern oder einfach nur ein kostenloses Buch lesen?

Ich glaube, dass es verschiedene Gründe dafür gibt. Die plausibelsten wären folgende:

  • Dem Leser hat das Buch nicht gefallen und er traut sich nicht, es offen anzusprechen.

  • Der Leser bemerkt plötzlich, dass das Testlesen mehr Arbeit ist, als er gedacht hat.

  • Der Zwang macht das Buch nicht länger attraktiv – das Schullektüre-Phänomen (Shoutout an die Autorenkollegin S., danke für den Begriff).


Was kannst du also tun?

Leider ist die Antwort: Nicht viel. Du kannst den Betroffenen anschreiben und nach einer Stellungnahme fragen, warum er das Buch nicht weitergelesen hat, aber wenn dieser sich entschließt, weiterhin auf Tauchstation zu bleiben, dann musst du das wohl oder übel hinnehmen. Das ist leider ein Punkt, den du nicht kontrollieren kannst.

Fakt ist, dass du dich nur auf dein Bauchgefühl verlassen kannst. Wähle Leser aus, denen du vertraust, mit denen du vielleicht vorher schon in Kontakt gestanden hast. Wie das im Leben so ist, kann aber auch noch so sorgfältiges Aussuchen nicht vor einer schlechten Erfahrung schützen.

Wo finde ich Testleser und welche Kriterien sollten sie erfüllen?

Ganz einfach: überall. Das Zauberwort heißt Networking. Scheut euch nicht, euch mit Gleichgesinnten kurzzuschließen, sei es über Schreibgruppen in eurer Nähe, Instagram, Facebook oder Internetforen. Dort findet ihr – auch unter Autoren und Autorinnen – viele potenzielle Testleser.

Wenn du Schreibgruppen besuchst, wird sich vielleicht jemand freuen, dein Buch lesen zu dürfen. Ansonsten tummeln sich im Internet genug Testleser. In Gruppen oder durch Posts kannst du eine Art Ausschreibung veröffentlichen, dass du Testleser suchst. Damit kannst du auch bereits erste Bedingungen und Erwartungen kommunizieren.

Viele Ratgeber empfehlen, nicht Familie und enge Freunde um Feedback für deinen Roman zu bitten, da diese dazu tendieren könnten, alles toll zu finden, was du machst oder sie trauen sich nicht, ehrliche Kritik zu geben. Ich persönlich sehe das etwas anders. Du kennst deine Liebsten am besten und wirst wissen, ob sie dir ihre ehrliche Meinung sagen. Wenn dem so ist, dann eignen sie sich durchaus als Testleser.

Womit wir beim Thema sind: Welche Kriterien sollten Testleser erfüllen?

Ich glaube, dass die Aufgabe eines Testlesers gern unterschätzt wird. "Das bisschen Lesen, das mache ich in ein paar Tagen fertig."

Tatsächlich steckt viel mehr Arbeit dahinter, als so mancher vielleicht denken mag. Schon allein das Lesen geht langsamer voran, da du immer wieder reflektieren und überlegen musst. Manchmal stolperst du über Stellen, die du aus einem Grund nicht ganz nachvollziehen kannst oder du magst sie einfach nicht. Manchmal dauert es, bis du den Grund analysiert und notiert oder als Kommentar an den Rand verfasst hast. Fakt ist: Wer gewissenhaft lesen will, der muss sich auf Arbeit einstellen und sollte Zeit einplanen.

Bedenke bitte auch, dass du als Testleser ein unlektoriertes und unkorrigiertes Buch erhälst. Das heißt: Es ist nicht ausgearbeitet wie ein verlegtes Buch, weshalb du viele Fehler finden wirst. Wenn du damit nicht klar kommst, solltest du das Testlesen lieber lassen.

Als ich nach Testlesern gesucht habe, haben sich einige Interessenten gemeldet, die mein Buch lesen wollten. Die Wahl traf aber auf drei Autorinnen, mit denen ich schon länger in Kontakt stand. Ich vertraute ihnen – und das tue ich immer noch. Genau das ist für mich das wichtigste Kriterium: Vertrauen. Nicht nur, dass dein Buch in guten Händen ist und nicht ohne dein Zutun den Weg in die Öffentlichkeit findet, sondern auch das Vertrauen, dass sie ehrliches, konstruktives Feedback geben.

Weiterhin ist auch das Genre als Kriterium ausschlaggebend. Je mehr Leseerfahrung der Testleser im entsprechenden Genre vorzuweisen hat, desto fundierter kann sein Feedback ausfallen.


Du darfst ruhig pingelig bei deiner Auswahl sein. Es ist dein Buch, an dem du lange und hart gearbeitet hast und arbeiten wirst. Deshalb ist es vollkommen in Ordnung, einen Testleser auszuwählen, den du für geeignet hältst. Im Grunde genommen kannst du das wie eine Bewerbung oder ein Bewerbungsgespräch aufziehen, indem du den Testleser nach seinen Erfahrungen mit dem Genre und dem Testlesen fragst und ihn um ehrliches Feedback bittest.

Checkliste Testleser/innen

  • Zuverlässigkeit

  • Einhaltung der Deadline (wenn möglich)

  • Ehrlichkeit

  • Sensibilität

  • Vertrauenswürdigkeit

  • Erfahrungen im gefragten Genre sind von Vorteil

  • Bereitschaft die Bedingungen des Autors zu erfüllen

  • Bewusstsein über Arbeitsaufwand

  • Wille das Buch zu verbessern, kein perfektes Manuskript erwarten

Im zweiten Teil erfährst du mehr über die Spielregeln, an die sich Autoren halten sollten, wie du als Testleser ein Feedback schreibst und Ratschläge wie du als Autor mit Kritik umgehen kannst.


Bis dahin,


eure Laura

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© 2019 by Laura Nieland

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